Frau Mannel und Frau Castor bei der Ehrung in Berlin

Interview mit Frau Mannel, langjährige Vorsitzende des ALfA Regionalverbandes Köln.

Frau Mannel ist Sonderpädagogin und arbeitete viele Jahre als Förderschullehrerin an einer Schule für geistige Entwicklung und hat auch dort viele Eltern in den verschiedensten Anliegen beraten. Seit 1990 war sie langjährige Vorsitzende des ALfA Regionalverbandes und hat in dieser Zeit ehrenamtlich ein umfangreiches Netzwerk zu Institutionen und Einzelpersonen aufgebaut, das es ermöglicht, dass Mütter und Familien Ja zu ihrem Kind sagen können.

 

Ende 2014 wurden Sie am Gedenktag für Migranten im Auswärtigen Amt in  Berlin zusammen mit verschiedenen anderen Ehrenamtlichen durch eine Einladung von Frau Gisela Manderla MdB für Ihren Einsatz für Migranten geehrt. Wie kam es dazu? 

Zuvor hat mich Frau Manderla CDU-Bundestagsabgeordnete aus Köln,  auf einer politischen Reise nach Berlin angesprochen und wir kamen  in ein längeres Gespräch, sie sei über die immer noch hohen  Abtreibungszahlen in unserer Gesellschaft verwundert. Sie wollte wissen, wie wir von der ALfA arbeiten. Bei diesem ausführlichen Gespräch ging es auch darum, dass sich beim Regionalverband der AlfA immer wieder  auch Frauen mit Migrationshintergrund melden, die dann von mir betreut wurden und immer noch werden. Das hat Frau Manderla dann dazu bewogen, mich für diese Ehrung auszuwählen
 

Wie kommt es, dass so viele Frauen mit ausländischen Wurzeln Hilfe im Schwangerschaftskonflikt beim Regionalverband der ALfA Köln suchen? 

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Alfa jeder Frau, egal mit welchem Hintergrund und aus welcher Situation des Schwangerschaftskonfliktes heraus hilft,  Mittel und Wege zu finden, dass das Kind leben kann und die Mutter die Möglichkeit hat, ihr Leben auch mit Kind zu gestalten.

Vielleicht liegt es daran, dass sich seit mehreren Jahrzehnten die Gesellschaft grundsätzlich verändert und es immer mehr junge Frauen mit Migrationshintergrund gibt.

In persönlichen Gesprächen mit Freunden oder ALfA Mitgliedern haben wir auch schon mal überlegt, dass diese Frauen in ihren Herkunftsländer in Großfamilien mit mehreren Kindern aufwachsen und damit einen selbstverständlichen Umgang mit Kindern mitbringen und ein Bewusstsein haben, dass sie dazu gehören. Dies fußt aber stärker auf die persönlichen Gespräche mit den Frauen und lässt sich natürlich nicht statistisch nachweisen.  

Was ist Ihnen wichtig bei der Beratung von Schwangeren? 

Jeder Fall ist anders, deshalb stelle ich mich  neu auf jede Frau  ein. Meist beginnt der Kontakt telefonisch. Die Betroffene hat dann erst mal die Gelegenheit, zu schildern, wie ihre Situation aussieht. Dabei frage ich meist, was sie sich persönlich wünscht? Man kann nämlich in den meisten Fällen davon ausgehen, dass die Probleme der Frau von außen kommen, durch den Druck der Familie und vor allen Dingen des Partners, der kein Kind (mehr) möchte und auch durch berufliche und finanzielle Probleme.

Wichtig ist auch der persönliche Kontakt durch ein Treffen, meist an neutralen Orten, wie ein Café. Diese Form der Neutralität verhilft der Frau erst einmal, sich völlig unverbindlich auf ein Gespräch mit mir einlassen. Dadurch findet sie die Gelegenheit sich zu öffnen und diese schwierige Situation unbefangen zu schildern. Diese Möglichkeit fördert, dass wir leichter Lösungen für die Probleme finden, ganz nach dem langjährigen ALfA- Motto: Die Probleme beseitigen und nicht die Kinder. 

Erzählen Sie bitte konkret ein oder zwei Fälle von Frauen mit Migrationshintergrund?

Von einem Fall möchte ich erzählen, der schon viele Jahre zurück liegt, aber ein sehr positives Ende nahm. Die schwangere Frau kam aus Polen und studierte Sprachen. Durch die Vermittlung der evangelischen Schwangerschaftsberatungsstelle wurde uns die völlig verzweifelte Frau zugewiesen. Sie hatte nur eine Auslandsaufenthaltsberechtigung für das Studium. Ihre größte Angst war die vor ihrer Familie in Polen, die stolz war auf ihre Tochter war, die als erste eine akademische Laufbahn durchschreiten konnte und keinerlei Verständnis für die Schwangerschaft gehabt hätten.

Am späten Abend fuhr ich zu ihr nach Hause und es gelang mir nach vielen Stunden sie zunächst zu beruhigen und ihr Vorschläge machen zu können, wie sie ihr Leben mit dem Kind bewältigen könnte. Sie selbst sah für sich keinen Ausweg die Schwangerschaft fort zusetzten. Nach diesem langen Gespräch bis tief in die Nach, kam sie etwas zur Ruhe und wollte die aufgezeigten Wege von mir überdenken. Nach zwei Tagen erhielt ich einen Anruf von der Frau, dass sie sich nach schlaflosen Nächten entschlossen hat, mit unserer Hilfe das Kind aus zu tragen. Mit Hilfe der Beratungsstelle konnte die angehäuften  Mietschulden getilgt werden. Da ihr eine Räumungsklage drohte, musste sie die Wohnung verlassen. Es gelang mir, sie in einem Kölner Kloster unterzubringen. Dort konnte sie ihr Studium fortführen. Dank der großen Fürsorge der Generaloberin konnte sie nun ihr Kind zur Welt bringen und ihr Studium in aller Ruhe beenden. Heute lebt sie in Polen und arbeitet als Dolmetscherin. Ihre Tochter, die ja beinahe nicht überlebt hätte, ist übrigens hochbegabt. Ich erwähne das in erster Linie deshalb, weil vielen nicht bewusst ist, dass durch eine Abtreibung ein individueller Mensch getötet wird, auch mit seinen ganzen Begabungen. Die Tochter hat vor kurzem das Abitur gemacht und hat die Möglichkeit im Ausland zu studieren- was für ein Potenzial.

Ein zweiter Beratungsfall war eine Frau, die vom Bürgerkrieg aus Uganda mit ihrer Familie, ihrem Mann und zwei Mädchen nach Deutschland geflohen war. Ihr wurde hier in Deutschland dringend zur Abtreibung ihres dritten Kindes geraten und das ohne zu berücksichtigen, dass dadurch das Trauma der Flucht dadurch noch verstärkt würde und dies keine Hilfe sein könne. Durch eine Beratung im Gesundheitsamt bekam sie die Adresse der ALfA. Durch diese Begleitung durch uns, verschiedenste (teilweise auch sehr kostenintensive) Hilfsmaßnahmen hat der kleine Junge das Licht der Welt erblickt. Die Familie lebt seit zehn Jahren hier, ist gut integriert und beide Elternteile arbeiten. Es war jedoch ein langer Kampf mit den Behörden bis alle Formalitäten in Deutschland zu bleiben, erfüllt waren. Erfreulicherweise hat die Mutter ein Hilfswerk für Uganda gründet, um etwas von dem, was sie von uns an Gutem erfahren hat, weiter zu geben    

Wie erfahren die Frauen von der Beratung der ALfA Köln?

Seit vielen Jahren können wir sehr erfolgreich ein Flugblatt bei verschiedenen Institutionen auslegen und gerade die evangelische Beratungsstelle in der Tunisstraße  vermittelt uns immer wieder verschiedene Frauen in Not, auch weil es uns möglich ist, nach ausführlicher Prüfung eine Zeit lang die Familien durch die Patenschaftsaktion der ALfA finanziell zu unterstützen.

 

Mit welchen Institutionen haben Sie gute Erfahrungen gemacht?

Wie gesagt, wir arbeiten von unserem Beratungsansatz sehr gut mit den kirchlichen Beratungsstellen zusammen, der „Evangelischen Beratungsstelle“ in der Tunisstraße und mit „esperanza“.  Außerdem wissen wir uns in enger Zusammenarbeit mit Haus Heisterbach (Wohnmöglichkeit von alleinerziehenden Frauen) in Königswinter und dem dazu gehörenden Heisternestchen, wo es möglich ist, Babysachen für kleines Geld zu kaufen. Ähnliches macht auch die Taborstube in Köln- Heimersdorf, die unseren Frauen immer sehr helfen. Des weiteren sei noch die Casa Angela in Bad Münstereifel erwähnt, bei der Frauen in Schwierigkeiten eine Auszeit nehmen können. In einem Kloster in Köln ist es uns immer möglich, dass Frauen dort eine Zeit lang wohnen können. Im Großen und Ganzen blicken wir nach jahrelanger Tätigkeit auf ein von uns aufgebautes Netzwerk zurück, ohne dass es nicht möglich wäre umfassend zu helfen. Auch der Kontakt zu verschiedenen Einzelpersonen, die uns helfen können,  wird gepflegt.  

Was ist bei Ihren Hilfeangeboten besonders schwierig?

Jeder Beratungsfall ist unterschiedlich, so dass es fast immer eine sehr intensive Zuwendung mit der Frau geben muss. Dies ist nicht nur zeitintensiv, sondern bedarf auch besonderer emphatischer Gaben, so dass man diese Aufgabe nicht einfach auf verschiedene Ehrenamtliche übertragen kann. Hier ist  ein kleiner Stab von in Beratung geübten nötig. Es sollte auch nicht unterschätzt werden, dass die persönliche Begleitung durch nichts ersetzt werden kann.

Ein besonderes Problem ist es, bezahlbaren Wohnraum für die Mütter bzw. die Familie zu finden.  Dank unserer guten Vernetzung zu verschiedenen Institutionen in Köln finden wir gemeinsam jedoch meist eine Lösung.

 

Was ist besonders erfreulich?

Die Aufgaben sind auch sehr erfüllend. So bleiben die Kontakte zu den Frauen nicht nur häufig jahrelang, sondern haben mir mehrere Patenkinder geschenkt. Die Dankbarkeit vieler Frauen macht uns froh. Sie merken, dass es das Anliegen der ALfA ist, alltagstaugliche Hilfen zu geben. Stolz bin ich darauf, dass keine der Frauen bisher in Hartz 4 abgerutscht ist, nachdem wir von der ALfA geholfen haben. Somit ist die Zukunft mit Kind ein frohes Zeichen der Hoffnung ist und kein Abstieg.  

Vielen Dank für das Gespräch.